Montag, 12. September 2011

Dialog mit Untermieter

Malte: Topsy....Topsy!

Topsy: Was? Was ist denn?

M: Topsy, hörst du mich? Antworte mal!!

T: Malte, bis du das? Warum flüsterst du denn so? Mach doch einfach die Tür auf und komm rein.

M: Topsy, hörst du mich denn?

T: Mensch, du darfst eintreten, es ist erlaubt. Meine Güte.

M: Topsy? Hast du gesagt ich kann reinkommen? Ok du, ich mach jetzt erst mal die Tür auf.

T: Ja!

M: Hi. Hallo Topsy. Oh man, riecht das hier gut in deinem Zimmer. Echt cool.

T: Och Malte, was willst du denn? Ich arbeite grade an meiner Diplomarbeit und hab nicht viel Zeit. Weißt du doch.

M: Ja, ja genau, ich weiß. Ich will dich auch überhaupt gar nicht lange nerven, ich dachte nur so, wo wir doch Tür an Tür wohnen, oder eher Wand an Wand. Also ich dachte, daß du dich freust, wenn dein lieber Untermieter dir als erstes die tolle Nachricht überbringt.

T: Ok Malte, ich geb' dir fünf Minuten. Also, was für tolles News sind das?

M: Topsy, es ist passiert!

T: Was ist passiert?

M: Sie haben sich gemeldet.

T: Die vom Jobcenter?

M: Nein Topsy. SIE!

T: Malte! Wer hat sich gemeldet.

M: Ich hab dir doch von diesem wissenschaftlichen Projekt erzählt. Davon, daß die das All nach Radiosignalen absuchen.

T: Keine Ahnung. Was ist damit? Haben die 'nen Job für dich?

M: Ich mach' da doch auch mit. Mein Laptop verarbeitet ständig auf dem Homeserver eingegangene elektromagnetische Frequenzen und untersucht sie nach Anomalien.

T: Dein Laptop macht was?

M: Halt dich fest Topsy, halt dich fest. Die letzten zwei eingegangenen Signale sind eindeutig. Jetzt steht es zweifelsfrei fest: Sie haben geantwortet.

T: Malte, mach mich nicht wahnsinnig. Wer hat geantwortet?

M: Die Ausserirdischen!

T: Was?!

M: Topsy, ich schwörs dir. Ich habs aufgezeichnet. Ich kann 's dir vorspielen. Ich bin noch total geflasht. Ich habs eben erst gehört. Deshalb wollt ich dich fragen, ob du's dir auch mal anhören kannst. Als Zeugin sozusagen.

T: Malte...

M: Ja?

T: Es gibt keine Ausserirdischen.

M: Doch, sie haben sich gemeldet. Ich hab's empfangen. Es ist 28 mal stärker als das normale Hintergrundrauschen. Und ich konnte es gleich zwei mal aufnehmen. Hintereinander. Genau das gleiche Signal. Man, versteh das doch, ich kann alle möglichen bekannten Quellen ausschließen. Es kann nicht terrestrischen Ursprungs sein.

T: Es kann nicht was?

M: Von der Erde stammen und mit größter Wahrscheinlickeit auch nicht aus unserem Sonnensystem. Weißt du was das bedeutet, Topsy? Weißt du was das bedeutet?

T: Das du wieder zu viel gekifft hast, Malte.

M: Topsy, dies ist der Anfang einer neuen Zeitrechnung. SETI hatte recht!

T: Wer?

M: Egal, Topsy komm mit, du mußt dir das anhören.

T: Malte, ich hab keine Zeit, ich muß meine Diplomarbeit schreiben.

M: Diplomarbeit, vergiß es, das hier ist von intergalaktischer Wichtigkeit. Kontakt, Topsy, Kontakt. Erster Kontakt, ever. Jetzt wissen sie, daß es uns gibt, das hier ist geiler, als Jesus Geburt, Galilei, Columbus und Internet zusammen, man! Das revolutioniert nicht nur unsere Welt. Nein, das ganze Weltall!


T: Malte, in deinem Zimmer stinkts. Wann hast du hier denn das letzte mal gelüftet? Gott und du hast deine Fenster mit Stoff zugetaped? Bist du irre?

M: Hier, schau mal auf den Bildschirm. Diese Graphik zeigt auf der x-Achse die Frequenz, die wir empfangen, auf der y-Achse die Energie und auf der z-Achse die Zeit. Und jetzt spiele ich das aufgezeichnete Signal ab. Siehst du? Bisher waren die Ausschläge unregelmäßig und ähnlich hoch. Aber dieser Ausschlag hier, siehst du wie lang und hoch er ist? Eindeutig künstlich!

T: Sag mal ist das Pizza da unter deinem Bett? Oh Gott, Malte, ich glaub die ist verschimmelt. Oh nein, schau doch mal, das ist ganz blau und pelzig. Malte, du schläfst auf einem Schimmelhaufen, oh Gott ist das ekelig.

M: Topsy, wenn diese aufgezeichneten Signal kein Fake sind, bedeutet das, daß die Menschheit, die Erde, wir alle das erste Mal Kontakt zu intelligentem Leben aufgenommen haben.

T: Intelligentes Leben? Coole Sache! Brauchen die vielleicht 'nen Raum zur Untermiete?

Dienstag, 6. September 2011

Beschreibung

Grete sitzt auf ihrem Stuhl in der Küche. Sie trägt ein dunkelblaues Etuikleid, daß schon bessere Zeiten gesehen hat, darunter ein schwarzes Langarmshirt und dunkle Strumpfhosen. Ihre Füße sind in dicke Pantoffeln gepackt.
Ihre fast schwarzen Haare trägt sie akkurat zum Zopf gebunden und ein langer Pony fällt ihr in die Stirn.
Wenn sie blinzelt, zuckt ihre linke Gesichtshälfte. Eine große Narbe, die quer über ihre Wange verläuft, zeugt von einem Unfall. Bei der Verletzung wurden Gesichtserven durchtrennt, die nun bei jedem Augenaufschlag irritierte Signale an alle Wangenmuskeln schicken. Wenn sie lacht, lacht nur ihre rechte Gesichtshälfte. Die linke kann es nicht mehr.
Grete ist oft in ihrer Küche. Dort steht sie dann, vor ihren ordentlich eingeräumten Hängeschränken.
Zielsicher fischt sie den Filter, das Papier und Geschirr heraus und stellt es vor sich hin. Immer in der gleichen Reihenfolge, immer die gleichen Dinge.
Ihre Bewegungen sind nicht schnell, aber eingespielt. Wenn ein Papierchen aus dem kleinen Karton mit dem Filterpapier schaut, dann schiebt sie es zurück, so dass nichts knickt.
Manchmal brüht sie sich auch Kaffee auf und läßt ihn stehen. Dann sitzt sie da, hält sich den Bauch und schaut auf den weniger werdenden Dampf. Grete hält sich oft den Bauch.
Dann und wann steht sie vor dem Spiegel und betrachtet sich mit gerunzelter Stirn von der Seite.
Auf ihrer sonst schlanken Silhouette zeichnet sich dann eine kleine Wölbung ab. Grete legt ihre Hände sanft darauf, wie eine Schwangere. Sie betrachtet sich, mehrere Minuten, dann schüttelt sie genervt den Kopf und verläßt den Spiegel.
Beim Gehen zieht sie ihren linken Fuß nach. Dieser ist gelähmt und sie kann ihn nicht heben. Wenn sie so durch ihre Wohnung schlappt, heben sich ihre Füße kaum vom Boden, sie schlurft mit ihren achtundzwanzig Jahren mehr wie eine alte Oma über das knarzende Parkett.
Grete kellnert in einem kleinen Café in der Nähe ihrer Einzimmerwohnung. Sie bedient die Gäste freundlich, plaudert hier und da mit ihren Kollegen, die ihr meist von wichtig Projekten erzählen, die sie am Start haben. Grete hört zu, nickt interessiert, gibt Tipps und bestärkt sie, ihre Vorhaben umzusetzen.
Von sich selbst erzählt Grete nicht viel. Wenn sie gefragt wird, was sie außer Kellnern mal machen will, muss sie meist schnell zu einem neuen Gast oder etwas abkassieren oder einen Tisch abwischen.
Manchmal geht sie mit ihren Kollegen tanzen. Dann steht sie erst, mit einem Bier in der Hand, an die Wand des Clubs angelehnt. Ihr Kopf wippt kaum merklich zum Takt der Musik. Wer sie genau beobachtet, sieht, daß ihr Gesicht langsam seinen gedrückten Ausdruck verliert. Ihre braunen Augen fangen an zu blitzen und ein paar kleine Fältchen kräuseln sich um sie.
Dann suchen sie Kontakt, Kontakt zu anderen Augen.
Und wenn die Musik lange genug Gretes Geschmack entspricht, dann fängt sie an zu tanzen. Eine Plastikschiene, die sonst eher alte Menschen nach einem Schlaganfall tragen, hält ihren Fuß in einem rechten Winkel. Unter engen Jeans versteckt, erlaubt sie ihr, zu laufen, zu tanzen, zu springen, so wie früher. Gretes Hüften schwingen im Takt, ihre Schultern bewegen sich abwechselnd nach vorne und hinten und ihr Zopf hüpft wild hin und her. Ihr Körper bebt, sie wirft ihre Arme nach oben und sie lacht.
Ihre Kollegen schütteln dann ungläubig die Köpfe, ob der Verwandlung ihrer ruhigen Mitarbeiterin.
Sie tanzen mit ihr, lachen mit ihr, trinken mit ihr.
Wenn ihre Augen netten Kontakt gefunden haben, dann kommt es vor, daß auch ihr Mund diesen aufnimmt. Erst spricht er, dann entströmt ihm ein Lachen, ein festes, freudiges Lachen. Ihre Hände folgen Augen und Mund, sie berühren, sie fassen an. Dadurch angeregt, wird ihr Mund übermütig und küsst. Die Augen verabschieden sich und schließen langsam ihre Lieder. Dann ist nur noch ihr Körper da und nimmt den größten Kontakt auf, stellt seine ganze Fläche zur Verfügung für die innigste aller Berührungen.
Dann wacht Grete nicht allein auf und ihr Lächeln verfliegt erst wieder, wenn sie ihre Tür von innen schließt.
Dann sitzt sie wieder auf ihrem Küchenstuhl und trinkt alleine einen Kaffee.

Samstag, 3. September 2011

War und ist

Grete schloss die Tür.
Jetzt war er weg. Literweise Einsamkeit schwappte auf sie nieder und machte ihre leere Wohnung zu einem Ort der Unerträglichkeit.
Das paradoxe daran war, daß es sich zwar so anfühlte, als sei die Unerträglchkeit nicht zu ertragen, es ging jedoch verblüffend einfach.
Alles was sie tun mußte, war weiter zu atmen. Zug um Zug. Ein und aus. Wenn sie dann das Gefühl bekam, dass sie es gleich nicht mehr weiter würde aushalten können, wartete sie ab, Augenblick um Augenblick, bis es nicht mehr gehen würde. Doch es ging und es passiert einfach gar nichts. Sie platzte nicht, sie fiel nicht tot um oder löste sich in Luft auf.
Sie stand da, die Hand an ihrer Türklinke, den Kopf leicht gesengt. Durch die Fenster fielen die blassen Strahlen einer wolkenverdeckten Sonne. Sie hätte das Licht anmachen können, an diesem Oktobermorgen, doch sie wollte nichts verändern.
Es gab Konservendosen, die hielten ihren Inhalt zwanzig Jahre haltbar.
Grete lies die Klinke los und ging durch den kleinen Flur in ihr Schlafzimmer. Der Anblick versetzte ihr einen Stich. Ihre Bettdecke lag zerwühlt nur halb auf ihrem Bett und ergoß sich zum anderen Teil bis auf den Parkettboden. Das Kissen klemmte zusammengeknautscht zwischen den geschwungenen schwarzen Metallstäben. Sie trat ganz nah heran und kniete sich davor. Die rechte Hand legte sie auf ihre Matratze und schob sie vorsichtig unter ihre Bettdecke. Es war noch warm darunter. Auf dem weißen Bezug kringelten sich ein paar blonde Locken neben dunklen langen Haaren.
Sie atmete ein und aus. Die Zeit, in der etwas passiert, war so kurz, die Zeit in der es dann Erinnerung war, so unendlich.
Sie machte ihr Bett nicht. Sie sah sich nur an, was es erzählte, so konnte sie den schleichenden Übergang von Realität zu Erinnerung noch etwas hinauszögern. Sobald sie sich heute Nacht wieder hineinlegen würde, würde dieser kleine Gedankenjuwel für immer in die Untiefen ihres unendlichen Gedächtnisses hinabgleiten. Dort ruhte er dann, im Setzkasten ihrer besonderen Augenblicke, um jederzeit herausgenommen, angeschaut und bewundert zu werden und doch nur als Beweis dafür zu gelten, dass so viel war und so wenig blieb.
Grete löste sich vom zerwühlten Bett. Sie ging in die Küche und stellte den Wasserkocher an.
Aus dem Schrank holte sie eine blassgelbe Kaffeetasse samt Untertasse heraus. Ein schwarzer Hahn mit rotem Schnabel und rotem Kamm zierte den Keramikpott.
Bevor es passierte, damals, wurde sonntags bei ihnen immer schön eingedeckt, Kerzen hatten dann gebrannt, im Winter auch der Kamin und sie alle vier, Mama, Papa, Johanna und sie selbst, Grete, hatten am Tisch gesessen und getoastetes Toastbrot gegessen von blassegelben Tellern mit einem schwarzen Hahn und einer schwarzen Henne.
Grete packte einen Plastikkaffeefilter auf eine ebenfalls gelbe Keramikkanne. Dann legte sie einen Filter hinein und streute mehrere Löffel gemahlenen Kaffee darauf.
Das Wasser im Kocher schlug Blasen. Nach und nach goss sie es auf das Pulver und beobachtete, wie es anfing zu schwimmen und sich brauner Schaum am Rand sammelte. Langsam sank der Wasserspiegel wieder und sie goss nach.
Filterkaffee mit einem Schuß Dosenmilch, die ihm, umgerührt, eine goldbraune Farbe verleiht.
Ihre Eltern hatten nur Kondensmilch benutzt, so sieht es schöner aus, hatten sie immer gesagt, mit gewöhnlicher Vollmilch würde der Kaffee hingegen grau werden.
Wenn sie, Grete, Johanna besuchte, dann bekam sie von ihr einen Latte Macchiato mit viel aufgeschäumter H-Milch in einem dicken, großen Glas. Daneben lag ein extra langer Löffer, damit man den braunen Gürtel, der zwischen der Schaumkrone und dem warmen Milchboden hing, umrühren konnte.
Grete goss Wasser nach.
Der Kaffee ihrer Schwester schmeckte gut, sehr gut, aber anders.
Die Kanne war voll.
Sie stellte Tasse und Untertasse auf ein Platzdeckchen auf ihrem Küchentisch und die Kanne auf einen Korkuntersetzer.
Dann goss sie sich den Kaffee ein.
Dampf stieg auf und es roch nach Frühstück. Es roch wie damals, genau wie damals.
Sie stand auf und holte sich die Kondensmilch aus dem Kühlschrank.
Vor ihrem geistigen Auge sah sie ihre Mutter selbige ins schwarze Getränk gießen. Mit einem alten Silberlöffel rührte sie um, legt ihn dann auf die Untertasse und trank, vielmehr schlürfte sie einen kleinen Schluck.
Dann hatte sie selbst auch nach Kaffee gerochen.
Grete setzte die Tasse an und schlürfte. Eine kleine Unachtsamkeit und die Tasse und die Kanne würden vom Tisch fallen und in abertausende kleine Teilchen zerbrechen.
So etwas ging so schnell und doch, die Tasse, aus der ihre Mutter und ihr Vater getrunken hatten, war noch da.

Das wundersame Vögelchen

Auf dem runzeligen Ast einer in die Tage gekommenen Buche saß ein kleines Vögelchen und piepste vergnügt vor sich hin.
Es war ein wundersames Kerlchen, mit leuchtend roten Federn und einem drolligen, aber wunderschönen Puschel auf dem Kopf.
Wenn es lief oder oder etwa nickte, dann schwang dieser Puschel sanft umher und sorgte so nebenbei dafür, daß es viel stattlicher wirkte, als es eigentlich war.
Doch jetzt saß es einfach nur da und begrüßte den jungen Tag, der soeben seine schlaftrunkenen Augen öffnete. Bläuliches Zwielicht schob die Nacht Richtung Westen und offenbarte genügsam die Konturen des Waldes. 

Zwischen den unzähligen Stämmen waberte verirrter Nebel und konnte im weit verzweigten Grün der Baumkronen seinen Ausgang noch nicht finden.
In dieser vollkommenen Unbeschwertheit versprach der junge Morgen zu einem friedlichen Tag heranzuwachsen, als das plötzliche Stapfen schwerer Stiefel diese Unschuld jäh durchbrach. Feine Äste und getrocknete Blättchen zerbröselten in einem Chor aus Knacken und Krachen und hinterließen eine narbige Spur im Reich des fragilen Bodengewirrs.
Ein großer, schwarzer Schatten näherte sich unaufhaltsam der alten, knorrigen Buche und mit jedem Schritt, der ihren Abstand verkürzte, erklang das eben noch so sorglose Piepen lauter und hektischer.
Mit großen Augen fixierte das Vögelchen die riesige, dunkle Gestalt und sein puscheliger Kopfschmuck zitterte wie Schilf im Wind.
Atmelose Stille knallte schockartig bis in die letzten Wipfel, als die Schritte ein plötzliches Ende direkt vor dem Ast des leuchtend roten Waldbewohners fanden. Vor Schreck und Frucht hopste dieser vom Baum und flatterte davon.
Mit pochendem Herzchen landete das Vögelchen auf einem der höheren, dünneren Äste und blickte angstvoll hinunter. 

Die Starre des Entsetzens nahm von ihm Besitz, als schwarz behandschuhte Finger in eine fein säuberlich aufgeschichtete Ansammlung von Zweigen griffen und ein winziges fragiles Vogelei heraus stibitzten.
Es hatte eine cremeweiße Farbe und war so transparent, daß die dünnen Bahnen kleiner roter Adern durchschienen.
Aufgeregt piepste das Vögelchen los und sprang verstört auf und ab. Sein wuscheliger Puschel vibrierte und wogte bei jedem Sprung hektisch hin und her.
Das gequälte Piepsen wurde lauter und flehender, doch die Hand langte schon nach dem zweiten kleinen Ei und lies es ebenfalls in einer Ledertasche verschwinden.
Das Herz des Vögelchens schlug nun so schwindelerregend schnell, daß es drohte zu zerbrechen.
Da bewegte sich die Hand ein drittes mal zum holzigen Nest.
Ein letztes, einsames Ei ruhte noch darin. Unter seiner Schale pulsierte bereits das Leben und wartete nur auf den richtigen Moment sich der Welt zu zeigen.
Doch sein kurzes Schicksal schien besiegelt. Wie eine Dunkle Wolke legte die Hand sein Weiß in Schatten und verschlang es. Da sprang der rote Vogel mit einem grellen Schrei vom Ast und lies sich im Sturzflug direkt auf das glänzende Leder fallen.
Entschlossen warf er seinen Kopf nach vorne und hinten, sodass sein Federschmuck in großen Wellen um ihn herum wallte. Mit immer größeren Bewegungen schüttelte er seinen Körper und stieß dabei glasklare, lang gezogene Pfiffe aus.
Da hielt die Hand inne und bewegte sich nicht mehr.
Der ganze Wald hielt seinen Atmen an und tausend Augen richteten ihren Blick auf die beiden ungleichen Gegner.
Die Sonne schoß ihre ersten roten Strahlen über den Horizont und lies die Erde erglühen.
Erst als sich ihr Licht weiß verfärbte, durchbrach ein kaum wahrnehmbares Klopfen die Stille.
In der Mitte des schwarzen Handschuhs lag leuchtend hell das dritte Ei. Es rollte ein wenig hin und her, dann breitete sich ein feiner Riss quer über die Schale aus und schließlich sprang eine große Ecke weg und ein gelbes Schnäbelchen an einem kleinen, nassen Vogelköpfchen kam zum Vorschein.
Sein erster Schrei erklang bis über die Wipfel der Bäume und drang bis in die hintersten Ecken jeder noch so verhärteten Seele, als es nach seiner Mutter rief.
Der Schatten aber zuckte nur kurz im Echo einer Erinnerung.
Doch als eine zweite Narbe den Weg seines Rückzug preisgab, lugten zwei weiße Ovale durch die Öffnung einer Ledertasche, die wohl jemand auf dem Boden verloren hatte.
Und ein frisch geschlüpftes Küken plumpste etwas unsanft, aber unversehrt zurück ins mollige Nest.
Der Tag hielt, was sein sein Morgen versprochen hatte. Eine wärmende Sonne hing friedlich zwischen aufgeplusterten Wölkchen und die Vögel des Waldes trällerten beschwingt und heiter ihre Weisen. Doch ein Gesang übertraf alle anderen mit seinem schier endlosen Jubel vor Glück.